19.11.2017 11:01 Kategorie: Berichte, Willkommen

Rede von Stadtverordneten-Vorsteher Norbert Schübeler anlässlich des Volkstrauertages 2017

am Sonntag, 19. November 2017, um 11:00 Uhr, auf dem Friedhof Lorscher Straße

Der österreichische Schriftsteller Karl Kraus hat in seinem 1922 erschienenen Werk "Die letzten Tage der Menschheit" geschrieben:
"Alles, was gestern war, wird man vergessen haben. Was heute ist, nicht sehen. Was morgen kommt, nicht fürchten. Man wird vergessen haben, dass man den Krieg verloren, vergessen haben, dass man ihn begonnen, vergessen, dass man ihn geführt hat. Darum wird er nicht aufhören."

Diese Worte unterstreichen die Bedeutung des heutigen Tages: Gedenken und Mahnung - das ist der Kern des Volkstrauertages, den der Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge als Gedenktag für die gefallenen deutschen Soldaten des Ersten Weltkriegs im Jahr 1919 ins Leben rief. Seit 1952 erinnert er an die Kriegstoten und Opfer der Gewaltherrschaft aller Nationen.

Am Volkstrauertag setzen wir uns bewusst mit Krieg, Vertreibung und Flucht auseinander. Das ist wichtig, denn ansonsten macht sich das Vergessen breit. Diejenigen, die authentisch berichten können, werden weniger; jene Politikergeneration, die die Kriegs- und Nachkriegszeit bewusst erlebt hat und deren Handeln davon geprägt war, wirkliche Not am eigenen Leib kennengelernt zu haben, ist abgetreten.

Am Volkstrauertag erinnern wir uns, dass unser Land unter Kriegen schmerzlich leiden musste. In diesem Jahr jährt sich zum 101. Mal die Schlacht um Verdun im Ersten Weltkrieg. Sie hat bis heute nichts von ihrer Grausamkeit verloren, sie ist zum Inbegriff der Sinnlosigkeit bewaffneter Auseinandersetzungen geworden. Oder denken wir an die "Hölle von Stalingrad", wo unzählige deutsche und russische Soldaten ihr Leben ließen; sie wurden erschossen, sind verhungert oder erfroren.

Der Erste Weltkrieg forderte mehr als 17 Millionen Todesopfer. Mehr als 50 Millionen Menschen sind durch Kriegshandlungen, Kriegsverbrechen und Kriegsfolgen im Zweiten Weltkrieg ums Leben gekommen. Millionen von Toten, unendliches Leid - das sprengt unsere Vorstellungkraft. An einem Beispiel wird die Sinnlosigkeit des Krieges vielleicht etwas konkreter.

Die Stadt Viernheim strebt - wie Sie wissen - eine Städtepartnerschaft mit einer polnischen Stadt an: mit Mlawa (sprich: MUAWA), direkt südlich des früheren Ostpreußens gelegen und während der deutschen Besatzung Mielau genannt. Dort fand zwischen dem 1. und 3. September 1939, also direkt zu Kriegsbeginn, die "Schlacht von Mlawa" statt. In dieser für die Verteidigung Warschaus strategisch wichtigen Schlacht - einer der ersten verlustreichen des Polenfeldzuges im 2. Weltkrieg - war der Blutzoll immens:

Auf polnischer Seite waren 1200 Tote und 1500 Verwundete zu beklagen, auf Seiten der deutschen Verbände: 1800 Tote, 3.000 Verwundete, 1.000 Vermisste

Erschütternd sind auch die Dokumente, wonach am 18. Januar 1945 - also kurze Zeit vor dem Ende des 2. Weltkrieges- 364 Häftlinge vor der Stadtgrenze erschossen wurden.
Nicht unerwähnt lassen möchte ich in diesem Zusammenhang auch die systematische Verfolgung und Ermordung der jüdischen Einwohner von Mlawa.

Es sind diese Schilderungen, die uns auch heute noch betroffen machen. Wir brauchen den Volkstrauertag als Moment des Innehaltens, ebenso wie Orte des Gedenkens, um das, was geschehen ist, nicht zu verdrängen.

Gleichzeitig, und das ist das Tragische dabei, müssen wir feststellen, dass die Menschheit aus dem Geschehen der Vergangenheit nichts oder nur sehr wenig gelernt hat. Denn Krieg, Vertreibung und Flucht gehören leider nicht der Vergangenheit an.

Jeden Tag können wir die Schrecken des Krieges, die Auswirkungen von Bürgerkrieg, Mord und Terror im Fernsehen miterleben: Nicht nur in Syrien, im Jemen, der Ostukraine, Afghanistan oder Myanmar - in vielen Teilen der Welt gibt es bewaffnete Konflikte und Terror macht auch vor unseren Grenzen nicht halt.

Noch nie waren seit Ende des Zweiten Weltkriegs so viele Menschen weltweit auf der Flucht vor Kriegen und Bürgerkriegen, vor Gewalt und Unterdrückung. Frauen, Kinder, Alte und Kranke müssen ihre Heimat, ihre Familien und ihr gewohntes Umfeld verlassen, um Schutz zu suchen. In privaten und politischen Debatten wird häufig von "den" Flüchtlingen gesprochen und dabei oft vergessen: hinter dem Begriff "Flüchtlinge" stehen Menschen und ihre individuellen Schicksale, die oft von großem, von den Schrecken des Krieges verursachtem Leid geprägt sind.

So mahnen uns nicht nur das unendliche Leid der beiden Weltkriege im vergangenen Jahrhundert, sondern auch die unzähligen kriegerischen Konflikte danach, für Frieden, Demokratie und Menschlichkeit einzutreten.

Der Philosoph Karl Jaspers hat einmal gesagt: "Die Vergangenheit beleuchtet das Gegenwärtige". Das sind weise Worte, denn das Erbe unserer Geschichte sollten wir als Wegweiser in die Zukunft begreifen.

Ich habe bereits erwähnt, dass die Menschen, die einen Weltkrieg bewusst miterlebt haben, immer weniger werden, ihre authentischen Berichte fehlen uns. Die Menschen, die in unseren Städten und Dörfern die Trümmerberge weggeräumt haben, die oft mit schweren Verletzungen an Leib und Seele diese Zeit überlebt haben, die Widerstand geleistet haben, sie fehlen uns. Deshalb darf es keinen Schlussstrich geben. Wir müssen und werden das Andenken dieser Menschen bewahren.

Um einem schleichenden Prozess des Vergessens entgegenzuwirken, müssen wir uns Jahr für Jahr am Volkstrauertag vor Augen führen, was Krieg und Gewalt letztlich bedeuten: unvorstellbares, unsagbares Leid!

Wir alle sind aufgerufen, überall in der Welt für menschenwürdige Lebensverhältnisse einzutreten. Wir müssen gegen Ungerechtigkeit, Intoleranz, gegen Armut und Kinderausbeutung vorgehen. Wir müssen uns weltweit um Frieden und Gerechtigkeit kümmern, sonst lassen uns Gewalt, Unrecht und Krieg nicht los.

Wir sollten weder unsere Vorurteile pflegen, noch dürfen wir uns einer scheinbar wachsenden Übermacht von Hass, Willkür und Intoleranz ergeben. Denn Toleranz ist der Schlüssel zum Frieden. Friede setzt aber auch Gerechtigkeit und Anteilnahme voraus.

Mit dem Gedenken an alle Opfer der Vergangenheit und Gegenwart nimmt der Volkstrauertag uns in die Pflicht, den Menschen und die Menschlichkeit in den Mittelpunkt unseres täglichen Handelns zu stellen.

Was uns dabei nicht weiterbringt, ist nationaler Egoismus. Dieser führt - das lehren uns die Erfahrungen des letzten Jahrhunderts - ins totale Verderben. Deshalb müssen wir aufpassen, dass Populisten nicht populärer werden, mehr an Land gewinnen. Vergessen wir nicht: die Idee von Europa hat nach den beiden Weltkriegen eine Wiederholung verhindert. Deswegen brauchen wir die Europäische Union. Aber wir müssen aufpassen auf Europa!

Bedanken möchte ich mich beim VDK Viernheim und dem Volksbund Deutscher Kriegsgräberfürsorge für die Organisation der heutigen Feierstunde. Ein herzliches Dankeschön auch an Albrecht Wunderle an der Orgel, den Männergesangverein 1846 Viernheim und das Stadtorchester, die unsere heutige Gedenkstunde musikalisch feierlich umrahmen.


Zum Gedenken

Sehr geehrte Damen und Herren, ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit und bitte Sie, nun der Toten zu gedenken

Wir denken heute
an die Opfer von Gewalt und Krieg, an Kinder; Frauen und Männer aller Völker.

Wir gedenken
der Soldaten, die in den Weltkriegen starben, der Menschen, die durch Kriegshandlungen oder danach in Gefangenschaft, als Vertriebene und Flüchtlinge ihr Leben verloren.

Wir gedenken derer,
die verfolgt und getötet wurden, weil sie einem anderen Volk angehörten, einer anderen Rasse zugerechnet wurden, Teil einer Minderheit waren oder deren Leben wegen einer Krankheit oder Behinderung als lebensunwert bezeichnet wurde.

Wir gedenken derer,
die ums Leben kamen, weil sie Widerstand gegen Gewaltherrschaft geleistet haben, und derer, die den Tod fanden, weil sie an ihrer Überzeugung oder an ihrem Glauben festhielten.

Wir trauern
um die Opfer der Kriege und Bürgerkriege unserer Tage, um die Opfer von Terrorismus und politischer Verfolgung, um die Bundeswehrsoldaten und anderen Einsatzkräfte, die im Auslandseinsatz ihr Leben verloren.

Wir gedenken heute auch derer,
die bei uns durch Hass und Gewalt gegen Fremde und Schwache Opfer geworden sind.

Wir trauern mit allen,
die Leid tragen um die Toten und teilen ihren Schmerz.

Aber unser Leben steht im Zeichen der Hoffnung auf Versöhnung unter den Menschen und Völkern, und unsere Verantwortung gilt dem Frieden unter den Menschen zu Hause und in der ganzen Welt.


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