11.10.2017 16:37 Kategorie: Berichte, Umwelt und Bauen

Aus dem Magistrat: Fünf aktuell geplante Versickerungsmaßnahmen sollen sukzessive realisiert werden

Höhenunterschiede zu angrenzenden Gehwegeflächen werden genau festgelegt

In einer seiner letzten Sitzungen hat der Magistrat grünes Licht für die Anlegung von verschiedenen Entsiegelungsmaßnahmen als Muldenversickerung beschlossen.

Konkret soll die Niederschlagsversickerung im öffentlichem Straßenraum an folgenden Standorten umgesetzt werden: Kreisverkehrsplatz Wasserstraße (Sperrflächen neben den Fußgängerüberwegen über die Friedrich-Ebert-Straße beidseitig des Kreisverkehrsplatzes an der Einmündung Wasserstraße), Wormser Straße 8 (Höhe Lärchenstraße), Wormser Straße 28 (am Ende des Langsamfahrstreifens), Kriemhildstraße / Nibelungenstraße (Vergrößerung des Baumbeetes) und August-Bebel-Straße 34 bis 36 (Baumbeet-Vergrößerung).

Der Ausschuss für Umwelt, Energie und Bauen wird sich in seiner nächsten Sitzung hiermit befassen und der Stadtverordneten-Versammlung eine entsprechende Empfehlung aussprechen. Nach Mitteilung des Ersten Stadtrats Jens Bolze sollen die aktuell geplanten Versickerungsmulden in diesem Jahr bzw. in der Folgezeit sukzessive realisiert werden.

Festlegen will sich die Verwaltung auf bestimmte Abstände: Für Höhenunterschiede zu angrenzenden Gehwegflächen wird festgelegt, dass ab einem Höhenunterschied zu Gehwegen von 25 cm mindestens 30 cm Abstand vom Geh- oder Radwegrand eingehalten wird, zum Fahrbahnrand ein Abstand von mindestens 50 cm, ohne dass besondere Schutzeinbauten wie Zaunelemente einzusetzen sind.

Versickerung ist Standardmethode der Entwässerung

Neben der Ableitung von Niederschlagswasser in die (Misch-)Kanalisation ist seine Versickerung eine Standardmethode der Entwässerung. Sie wird seit vielen Jahren in Viernheim verbreitet, zunehmend und sehr erfolgreich eingesetzt. Die Neubaugebiete der letzten 3-4 Jahrzehnte werden überwiegend so entwässert, ebenso viele Außerortsstraßen bis hin zu den Bundesautobahnen.

Die Versickerung kann über eine durchlässige Belagsfläche oder über Versickerungsanlagen so vorgenommen werden, dass die alleinige Entwässerung auf diesem Weg oder in Kombination erfolgt. Daneben ist es auch schon immer gängige Praxis, dass ein Teil der Entwässerungsfunktion von durchlässigen und teildurchlässigen Belägen oder Vegetationsflächen übernommen wird und ein Teil in die Kanalisation abgeleitet wird.

Für den Einsatz von Versickerungsanlagen gibt es technische Regelwerke und gesetzliche Regelungen.

Das Wasserhaushaltsgesetz (WHG) sieht in seiner aktuellen Fassung von 2009 nach §55 Abs. 2 vor, dass Niederschlagswasser ortsnah versickert, verrieselt oder in ein Gewässer eingeleitet werden soll. Die Vermischung mit Schmutzwasser soll nicht erfolgen. Da Viernheim in seiner Gesamtheit nur über eine Mischkanalisation und kein Gewässer in der Nähe verfügt, bleibt die Versickerung die einzige praktikable Entwässerungsform, die diesen gesetzliche Vorgaben entspricht.

Die technischen Regelwerke geben beispielsweise die Dimensionierung, die Beurteilung der Belastung und die Form der Versickerung vor. Da Viernheim im Wasserschutzgebiet liegt, sind unterirdische Versickerungsformen (Schacht- oder Rigolen-Versickerungen) in der Regel nicht geeignet. Die Regelform ist deshalb die Muldenversickerung über eine belebte Bodenzone, um Schadstoffe zu filtern und abzubauen.

Vorteile der Versickerungsmethodik - auch im Bestand städtischer Flächen

  • Die getrennte Ableitung des Regenwassers vom Schmutzwasser entlastet die Kläranlage und das Kanalnetz.
  • Dies schlägt sich auch finanziell bei den jährlichen, laufenden Kosten nieder. Die Regenwassergebühr, die für jeden Quadratmeter ins öffentliche Kanalsystem ent-wässernde Fläche zu zahlen ist, entfällt.
  • Da in der sehr ebenen Lage Viernheims alles Abwasser gepumpt werden muss, wird auch Energie gespart.
  • Das Wasser nimmt statt abzufließen zum größeren Teil den natürlichen Weg. Es bildet neues Grundwasser und ein erheblicher Teil verdunstet auch über die Bo-denoberfläche oder die Vegetation.
  • Diese Verdunstung hilft, die Überhitzung der Stadt im Sommer herunter zu kühlen. Mit der Schattenwirkung von Bäumen wird das Kleinklima zusätzlich stabilisiert. Dies ist ein sehr wesentlicher Beitrag im Rahmen der Klimafolgenvorsorge.
  • Damit die Bäume dies leisten können müssen sie bessere Gesundheitsbedingun-gen erhalten. Sie leiden oft unter Versiegelung und unter Trockenheit. Beidem wird begegnet. Bessere Versorgung der Straßenbäume ergibt weniger Totholz und damit weniger Schnittmaßnahmen. Sie ergibt auch weniger Ausfälle und notwendige Nachpflanzungen. Beides spart ebenfalls Kosten bei der Grünunterhaltung.
  • Vergrößerte Grünflächen ergeben eine Verbesserung im Ortsbild und bieten besseren Lebensraum für Pflanzen und Tiere. Als Biodiversitätskommune hat sich Viernheim diesen Zielen verpflichtet.


In der aktuellen Diskussion um die Anlegung von Sickermulden erinnert Erster Stadtrat Jens Bolze an die verheerenden Starkregenereignisse in den zurückliegenden Jahren: "Die zurückliegenden und zu erwartenden künftigen Starkregenereignisse haben gezeigt, dass die Versickerungsmethodik zu einer wirksamen Vorsorge beiträgt. Während die Kanalentwässerung für durchschnittlich alle 1 bis 3 Jahre auftretende Niederschlagsereignisse dimensioniert ist, ist für Versickerungsanlagen mit 5 Jahren eine höhere Entwässerungsleistung zu erbringen. Die differenziertere topografische Planung ergibt oft weitere Sicherheiten im System. Bei den extremen Regenereignissen in den Jahren 2007 bis 2009 haben sich die Neubaugebiete mit Versickerung (Bannholzgraben und Schmittsberg I) hervorragend bewährt, während es im alten Stadtgebiet viele Überflutungen bei Gebäuden gab."

Mit einer Untersuchung des renommierten Fachbüros BGS UMWELT, "Versickerungs- und Rückhaltepotential für Niederschlagswasser in Viernheim" wurde der Beitrag, den Niederschlagsversickerung bei der Verbesserung der Entwässerungssituation leisten kann, untersucht. Im Ergebnis wird empfohlen, in dem nordwestlichen Bereich Viernheims (einem Maßnahmenkerngebiet von Wormser Straße bis Am Königsacker) in 1. Priorität durch Versickerung das Kanalnetz zu entlasten.

Der umfangreiche Ansatz, große Verkehrsflächen vom Kanalnetz abzukoppeln, ist detaillierter mit der weiteren Kanalnetzplanung zu untersuchen und ebenso im Rahmen von Straßenerneuerungsplanungen zu betrachten, wie sie besonders für die Saarlandstraße anhängig sind.

Zweckgebundene Finanzmittel sollen dem Haushalt zugute kommen

Seit einigen Jahren werden in kleinem Umfang Mittel bereits zielgerichtet eingesetzt, zuletzt in dem von BGS empfohlenen räumlichen Schwerpunkt. In einer Vereinbarung zur Erweiterung des Golfplatzes ist eine Vertragszahlung enthalten. Sie ist zweckgebunden für Maßnahmen, die dem Ausgleich der Auswirkungen auf den Wasserhaushalt dienen. Das heißt also für Maßnahmen, mit denen Grundwasser neugebildet wird. Versickerungsanlagen, die in den letzten Jahren hergestellt wurden, befinden sich am Lindenplatz (Blauehutstraße), am Wernherplatz, am Parkplatz alter Friedhof, bei der Friedrich-Ebert-Str. 4, der Kreuzstraße 52-58 und Am Königsacker von Johann-Sebastian-Bach-Straße bis Joseph-Haydn-Straße Ebenso werden unterschiedlich große Teilbereiche bei nahezu allen Umbauten von Verkehrsflächen der letzten Jahre über Versickerung entwässert, insbesondere der Kreisverkehrsplatz am Schwimmbad.

Grünflächen als Versickerungsflächen bringen Verbesserungen für die Gestaltung des öffentlichen Raumes mit sich

In speziellen Situationen wurden Grünflächen, die zur Versickerung eingesetzt werden, auch deshalb angelegt, um die Nutzung und funktionale Gestaltung des öffentlichen Raumes zu verbessern. Illegales Parken und Befahren von Gehwegen kann beispielsweise dadurch eingeschränkt, eine Grünfläche anstelle einer Pollerreihe eingesetzt werden.

Die Ausmuldung der Flächen ist einerseits eine Notwendigkeit, um einen temporären Wassereinstau zu ermöglichen. Dieser ist ein Grundprinzip der Muldenversickerungsanlagen und Hauptbestandteil der Dimensionierung (Einstautiefe im Normalfall max. 30 cm).

Anwohner sollen besser informiert werden

Kritischen Reaktionen und ablehnender Voreingenommenheit will die Verwaltung künftig mit einer intensiveren Information betroffener Anlieger begegnen. Außerdem zeigt sich bereits, dass nach einiger Einwachs- und Entwicklungszeit auch kritische Anwohner mit Zufriedenheit reagieren, wie dies am Lindenplatz und der Kreuzstraße festzustellen ist.


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