Ansprache von Bürgermeister Matthias Baaß am Mahnmal vor der Stadtbücherei anlässlich des Besuches einer polnischen Delegation aus Mlawa

am Samstag, 27.Januar 2018

Wir stehen hier vor einem ganz besonderen Mahnmal, das uns - wie auch die verlegten Stolpersteine im Stadtgebiet - an die unvorstellbaren Verbrechen der Nazis erinnern soll. Das Mahnmal erinnert insbesondere an die Bücherverbrennung am 10. Mai 1933 auf dem Opernplatz in Berlin und in 21 weiteren deutschen Universitätsstädten.

Dies war eine von der Deutschen Studentenschaft geplante und inszenierte Aktion, bei der Studenten, Professoren und Mitglieder nationalsozialistischer Parteiorgane die Werke von ihnen verfemter Autoren ins Feuer warfen.

Die öffentlichen Bücherverbrennungen waren der Höhepunkt der sogenannten "Aktion wider den undeutschen Geist", mit der kurz nach der "Machtergreifung" der Nationalsozialisten, im März 1933, die systematische Verfolgung jüdischer, marxistischer, pazifistischer und anderer oppositioneller oder politisch unliebsamer Schriftsteller begann.

Wir haben heute den 27. Januar 2018. Der 27. Januar ist der Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus, ein gesetzlich verankerter Gedenktag. Deshalb sind heute auch die Fahnen auf Halbmast gesetzt. Am 27. Januar 1945 -vor 73 Jahren- wurde das Konzentrationslager Auschwitz durch die rote Armee befreit. Was die russischen Soldaten damals vorfanden, übersteigt jegliche menschliche Vorstellungskraft.

Auschwitz ist zum Synonym für millionenfachen Mord geworden, für Folter und Menschenversuche, für eine bis ins letzte geplante Vernichtungsmaschinerie - für Unmenschlichkeit schlechthin. Die industrielle Tötung von Millionen von Menschen, die nach den Regeln der Bürokratie zweckrational und routinemäßig vollzogen wurde, ist eine unfassbare Perversion.

Bis zum Ende des Krieges ging das Morden weiter. Noch im April 1945 wurden mindestens 7.000 Häftlinge im KZ Buchenwald ermordet. Am 2. Juli 1947 wurde durch ein Gesetz des Sejm, des polnischen Parlaments, auf den zwei erhalten gebliebenen Teilen des ehemaligen Konzentrationslagers, Auschwitz I und Auschwitz II- Birkenau, das Staatliche Museum Auschwitz-Birkenau errichtet.

Das wirkliche Ausmaß der Vernichtungspolitik verdeutlichte der Nürnberger Kriegsverbrecherprozess. Chefankläger Robert H. Jackson eröffnete am 14. November 1945 das Verfahren gegen 24 Angeklagte mit dem Hinweis auf die Singularität des Verbrechens:

"Die Geschichte berichtet von keinem Verbrechen, das sich jemals gegen so viele Opfer gerichtet hat oder mit solch einer berechnenden Grausamkeit begangen worden ist."

Sich den bedrückendsten Wahrheiten unserer Geschichte zu stellen, ist unverzichtbar. Dazu verpflichten uns die Opfer, ihre Angehörigen und Nachkommen. Aber es ist auch für uns selbst notwendig, damit wir den unauflöslichen Zusammenhang von Erinnerungs- und Zukunftsfähigkeit begreifen.

Wir wissen aber auch um die erneuten Gefahren von Nationalismus, Antisemitismus, Rassenhass und Fundamentalismus bei uns in Deutschland und anderswo - Tag für Tag. Und wir wissen, wie sehr politische Wachsamkeit gefordert ist.

Es ist unsere Pflicht, über den Holocaust aufzuklären, um eine Wiederholung dieser grauenhaften Geschehnisse zu verhindern.

Deshalb bin ich über alle Aktivitäten in Viernheim froh, die dies erinnern: das Projekt Stolpersteine, die jährliche Veranstaltung zur Reichspogromnacht, die vielen Aktivitäten in den Schulen und andere mehr.

In Respekt vor den Opfern von Nationalsozialismus und Krieg in Polen, Deutschland, Europa und der Welt ist es mir heute beim Besuch unserer neuen polnischen Freunde aus Mlawa ein Anliegen, diesen heutigen Gedenktag zu würdigen.