Gleichstellungsbüro: Erster bundesweiter Aktionstag gegen verbale sexuelle Belästigung

Aktion #keinKompliment - Gleichstellungsbüro ruft zur Meldung von übergriffigen Kommentaren auf

Pfeif- oder Kussgeräusche, aufdringliche Blicke, anzügliche Sprüche auf Straßen, Plätzen, in Einkaufszentren oder öffentlichen Verkehrsmitteln, dies sind noch eher harmlose Beispiele für die recht niedliche Bezeichnung „Catcalling“. Der Begriff stammt aus der englischen Umgangssprache (in etwa „Katzen-Rufen“) und ist eine Form der verbalen sexuellen Belästigung, für gewöhnlich durch Männer gegenüber Frauen und Personen aus der LSBTIQ* Community.

Im Rahmen des ersten bundesweiten Aktionstages am 10. Juni, der zukünftig immer am zweiten Freitag im Juni stattfinden wird, wurde gleichzeitig die Kampagne #keinKompliment ins Leben gerufen, an der sich auch das städtische Gleichstellungsbüro gemeinsam mit über 40 Kommunen und Kreise in der Bundesrepublik beteiligt, um auf diese nicht hinnehmbaren Vergehen aufmerksam zu machen.

„Frauen und Mädchen sollen sich unbefangen im öffentlichen Raum bewegen können, ohne Belästigungen ausgesetzt zu sein. Der gutmeinende Hinweis mancher Männer ‘Nimm’s doch als Kompliment,‘ ist nicht hinnehmbar. Sexuelle Belästigung ist kein Kompliment“, so Maria Lauxen-Ulbrich, Gleichstellungsbeauftragte der Stadt Viernheim.

Belästigungen auf der Straße wirken sich bei Betroffenen oft körperlich und emotional aus. Sie berichten von Atembeschwerden, Schwindel und Übelkeit sowie starker Angst, zum Beispiel vor einer Vergewaltigung. Gleichzeitig sorgen die verbalen Übergriffe dafür, dass besonders Frauen und Mädchen beginnen, Bereiche im öffentlichen Raum zu meiden und sich nicht mehr unbefangen in der Öffentlichkeit bewegen.

Es handelt sich weder um ein Einzelschicksal bestimmter Frauen oder Mädchen noch um etwas, was nur an bestimmten Orten oder Städten vorkommt. Es ist ein gesamtgesellschaftliches Problem das dazu führt, dass sich betroffene Personen eingeschränkt fühlen und sich nicht mehr unbehelligt in der Öffentlichkeit bewegen.

Gleichstellungsbüro sammelt Meldungen von übergriffigen Kommentaren

Um das Thema mehr in den Fokus zu rücken, sind alle betroffenen Personen aufgerufen, im Zeitraum Juni 2022 bis Mai 2023 ihre Erfahrungen in Viernheim mit Angabe der Art des Übergriffes sowie der möglichst konkreten Angabe von Ort, Datum und Uhrzeit über die Mailadresse  dem Gleichstellungsbüro der Stadt Viernheim mitzuteilen. Dort werden die Meldungen gesammelt und gemeinsam mit der städtischen Jugendförderung und dem Sicherheitsberater im Amt für öffentliche Sicherheit und Ordnung unter Einhaltung des Datenschutzes ausgewertet.

Für die Stadtverwaltung ergeben sich daraus im Rahmen der hessenweiten Präventionsinitiative "KOMPASS" wichtige Hinweise, an welchen Stellen in der Stadt sogenannte „Angsträume“ sind, also Orte mit erhöhtem Bedrohungspotenzial für Mädchen, Frauen und Menschen aus der LGBTIQ* Community.

Am 9. Juni 2023, dem Folgejahr des Aktionstages, wird das Gleichstellungsbüro gemeinsam mit weiteren engagierten Gruppen diese Übergriffe öffentlichkeitswirksam darstellen. „Durch die Beteiligung an diesem bundesweiten Aktionstag möchten wir die Gesellschaft sensibilisieren, Mädchen und Frauen stärken und insbesondere auch Männer auffordern, sich gegen ihre übergriffigen Geschlechtsgenossen zu positionieren,“, betont Lauxen-Ulbrich.

Hintergründe

Nach einer aktuellen Studie des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ) erleben 44 Prozent der Frauen, aber auch 32 Prozent der Männer, in Deutschland Situationen, in denen sexistische Zeichen und Übergriffe an sie adressiert sind. Doch die meist berührungslose, aber unzumutbar aufgedrängte Sexualität stellt in Deutschland noch keinen eigenen Straftatbestand dar.

Dies soll nicht so bleiben und so hat bereits die #Me-Too- Bewegung das Problem sexueller Belästigungen im Alltag, überwiegend durch Männer, in den Blick der internationalen Öffentlichkeit gerückt.

Die erste Petition von Antonia Quell „Es ist 2020. Verbale sexuelle Belästigung sollte strafbar sein“ wurde von knapp 70.000 Personen unterstützt und auch der Deutsche Juristinnenbund forderte bereits eine rechtliche Normierung berührungsloser sexueller Belästigung (DJB, 2021).