Schulprojekt "Stolpersteine" der Alexander-von-Humboldt-Schule in Kooperation mit dem Stadtarchiv

Viernheim: "Mein Herz weint vor Heimweh!"

Schülergruppe beschäftigt sich erstmals mit dem Schicksal von Viernheimer Euthanasieopfern +++ Nächste Verlegung von Stolpersteinen am Donnerstag, 29. Juni, um 10.00 Uhr

Im Jahre 1927 schrieb Elisabeth Helbig in einem Brief: "Mein Herz weint vor Heimweh!" Damals wusste sie nicht, dass sie ihren Geburtsort Viernheim niemals wiedersehen sollte. Elisabeth Helbig wurde 39 Jahre alt und verbrachte mehr als die Hälfte ihres Lebens in gleich mehreren Anstalten, unter anderem in Hadamar, Heppenheim und Würzburg. Die Viernheimerin, die früh ihre Eltern verlor, litt an epileptischen Anfällen. Grund für die Nazi-Schergen, die damals 13-Jährige in eine Pflegeanstalt einzuweisen und später im Rahmen des Euthanasieprogramms zu töten. Eine von vielen Tausenden.

In diesem Jahr beschäftigt sich die Projektgruppe "Stolpersteine" an der Alexander-von-Humboldt-Schule erstmals auch mit dem Schicksal von Euthanasieopfern. Das Ergebnis ihrer Nachforschungen wird die Gruppe im Rahmen eines öffentlichen Rundgangs zu den ehemaligen Wohnhäusern der Familien im Einzelnen vorstellen. Dabei werden wieder Stolpersteine verlegt.

Der Rundgang sowie die Verlegung der Stolpersteine findet am Donnerstag, 29. Juni, statt. Gemeinsamer Treffpunkt ist um 10.00 Uhr am Brunnen in der Blauehutstraße (Ecke Blauehut-/ Wiesenstraße). Alle interessierten Bürgerinnen und Bürger sind hierzu herzlich eingeladen. Folgende Stationen sind vorgesehen: Wiesenstraße 4, Wasserstraße 20, Rathausstr. 31, Ecke Ketteler / Rathausstraße und Rathausstraße 28 und 34.

Im Rahmen eines Pressegespräches am letzten Montag im Museum informierte Bürgermeister Matthias Baaß zusammen mit Gisela Wittemann (Leiterin des Stadtarchivs), Peter Bilhöfer (Leiter der Arbeitsgruppe "Stolpersteine", freier Historiker) sowie den Lehrern Lutz Ackermann und Timm Clausen von der Alexander-von-Humboldt-Schule über dieses bemerkenswerte Projekt. Nach Auffassung des Bürgermeisters ist es wichtig, die bösen Verbrechen in der NS-Diktatur immer wieder in Erinnerung zu rufen. "Dazu sind Schulprojekte wie ‚Stolpersteine' in besonderer Weise geeignet." Am Beispiel von Elisabeth Helbig könne man aufgrund der guten Recherche gut nachvollziehen, dass auch Viernheimer Bürgerinnen und Bürger die von den Nazis als pauschal geisteskrank und lebensunwert eingestuft wurden, ihr Leben lassen mussten, zu Euthanasieopfern wurden. Unterlagen über Elisabeth Helbig und Briefe von ihr verraten viel über das gesellschaftliche Klima dieser Zeit, über Stimmungslage und Gefühle der weggesperrten Viernheimerin.

Viele Quellen erleichterten die Nachforschungen, deren Ergebnisse von der Arbeitsgruppe dokumentiert werden. Interessierte Schulklassen können dieses Schicksal - aber auch andere Familienschicksale von Viernheimer Juden und weiteren Verfolgten den Nazi-Regimes - nachlesen und sich tiefer mit diesem Thema beschäftigen.

Stete Erinnerung an die Nazi-Verbrechen ist wichtiger denn je. Denn die Zeitzeugen sterben aus. Und so manche Schicksale können in Vergessenheit geraten. Schicksale, die berühren und sie nie mehr wiederholen sollen.

Zur Information:

An der Alexander-von-Humboldt-Schule gründete sich 2011 eine Projektgruppe "Stolpersteine". In Kooperation mit dem Stadtarchiv Viernheim erforscht die Schülergruppe Schicksale Viernheimer Familien, die während der NS-Diktatur verfolgt wurden. Immer wieder fanden sich über die Jahre junge Menschen, die in dieses Projekt nachrückten.

Ihr Engagement wird begleitet von dem Interesse und der finanziellen Unterstützung aus der Viernheimer Bevölkerung, denn das Kunstdenkmal STOLPERSTEINE wird über Patenschaften finanziert. Bisher erfolgten drei Verlegungen (2013 - 2015), die an das Schicksal von 13 Viernheimer Familien erinnern.

2017 beschäftigt sich die Projektgruppe "Stolpersteine" erstmals auch mit dem Schicksal von Euthanasieopfern.