Stolpersteine sollen an Nazi-Verbrechen erinnern: Zwölf weitere "Gedenksteine" verlegt

Schulprojekt "Stolpersteine" der Alexander-von-Humboldt-Schule in Kooperation mit dem Stadtarchiv Viernheim: Wider das Vergessen! +++ Euthanasieopfer gab es auch in Viernheim zu beklagen

 

"Franz Grammig, Jahrgang 1896, eingewiesen 1931 in Heilanstalt Heppenheim, verlegt am 13.05.1941 nach Hadamar, ermordet am 13.05.1941, Aktion T4." So lautet der Text auf dem ‚Stolperstein' vor dem Anwesen Wiesenstraße 4, der gestern Vormittag verlegt wurde.

Weitere 11 Stolpersteine auf den Gehsteigen vor den Häusern Wasserstraße 20, Rathausstraße 31, Ecke Ketteler- / Rathausstraße sowie Rathausstraße 28 und 34 erinnern ebenfalls an die Ermordung von durch Nazi-Schergen als pauschal geisteskrank und lebensunwert eingestuften Menschen sowie Mitbürgern jüdischen Glaubens. Auch an die Viernheimer Juden, denen die Flucht nach Argentinien gelungen war oder durch Mithilfe couragierter Freunde und Nachbarn überleben konnten.

Zu dieser bereits vierten Stolperstein-Aktion in Viernheim konnte Amtsleiter Klaus-Dieter Stöppel, Cornelia Kohl, Direktorin Alexander-von-Humboldt-Schule, sowie die A-v-H-Lehrer Timm Clausen und Lutz Ackermann begrüßen. Die Verlegung weiterer zwölf Stolpersteine ist das Resultat eines pädagogischen Gemeinschaftsprojekts einer Schülergruppe der Alexander-von-Humboldt-Schule und des Stadtarchivs Viernheim gemeinsam mit Dr. Peter Bilhöfer, Leiter der Arbeitsgruppe "Stolpersteine" und freier Historiker.

Interessierte Bürger, Anwohner und Sponsoren zeigten sich betroffen von den unterschiedlichen Lebensläufen und Schicksalen der ermordeten Viernheimer, über die die beteiligten Schüler anschaulich und detailliert zu berichten wussten.

Die Stolpersteine erinnern an folgende 12 Viernheimer Bürgerinnen und Bürger:

  • Jettchen Sternheimer, ermordet 1944 in Auschwitz
  • Hugo Sternheimer, ermordet in Piaski
  • Else Sternheimer, unfreiwillig verzogen und mit Hilfe von Freunden überlebt
  • Moritz Sternheimer, 1935 geflüchtet nach Argentinien
  • Hermann Sternheimer, 1937 geflüchtet nach Argentinien
  • Frieda Sternheimer, 1937 geflüchtet nach Argentinien
  • Rosa Fischer, 1942 ermordet in Piaski
  • Emil Fischer, 1942 ermordet in Piaski
  • Rosa Holzmann, 1942 ermordet in Theresienstadt
  • Nikolaus Haas, Euthanasieopfer, 1941 ermordet in Hadamar
  • Elisabeth Helbig, Euthanasieopfer, 1941 ermordet in Hadamar
  • Franz Grammig, Euthanasieopfer, 1941 ermordet in Hadamar


In diesem Jahr beschäftigt sich die Projektgruppe "Stolpersteine", der Vanessa Schubert, Vivienne Haas, Laura Wieland, Daniel Koßwig, Helin Biljic und Lennard Holm angehören, erstmals auch mit dem Schicksal von Euthanasieopfern. Beispielsweise mit Elisabeth Helbig. Im Jahre 1927 schrieb sie in einem Brief: "Mein Herz weint vor Heimweh!" Damals wusste sie nicht, dass sie ihren Geburtsort Viernheim niemals wiedersehen sollte. Elisabeth Helbig wurde 39 Jahre alt und verbrachte mehr als die Hälfte ihres Lebens in gleich mehreren Anstalten, unter anderem in Hadamar, Heppenheim und Würzburg. Die Viernheimerin, die früh ihre Eltern verlor, litt an epileptischen Anfällen. Grund für das Nazi-Regime, die damals 13-Jährige in eine Pflegeanstalt einzuweisen und später im Rahmen des Euthanasieprogramms zu töten. Eine von vielen Tausenden.

Nach Auffassung des Bürgermeisters ist es wichtig, die bösen Verbrechen in der NS-Diktatur immer wieder in Erinnerung zu rufen. "Dazu sind Schulprojekte wie ‚Stolpersteine' in besonderer Weise geeignet." Am Beispiel von Elisabeth Helbig könne man aufgrund der guten Recherche gut nachvollziehen, dass auch Viernheimer Bürgerinnen und Bürger, die von den Nazis als pauschal geisteskrank und lebensunwert eingestuft wurden, ihr Leben lassen mussten, zu Euthanasieopfern wurden. Unterlagen über Elisabeth Helbig und Briefe von ihr verraten viel über das gesellschaftliche Klima dieser Zeit, über Stimmungslage und Gefühle der weggesperrten Viernheimerin.

Viele Quellen erleichterten die Nachforschungen, deren Ergebnisse von der Arbeitsgruppe dokumentiert werden. Interessierte Schulklassen können dieses Schicksal - aber auch andere Familienschicksale von Viernheimer Juden und weiteren Verfolgten den Nazi-Regimes - nachlesen und sich tiefer mit diesem Thema beschäftigen.

Stete Erinnerung an die Nazi-Verbrechen ist wichtiger denn je. Denn die Zeitzeugen sterben aus. Und so manche Schicksale können in Vergessenheit geraten. Schicksale, die berühren und sie nie mehr wiederholen sollen.