Museum Viernheim: Ein Stück Viernheimer Geschichte auf zwei Rädern

Historisches Fahrrad von Dr. Benedikt Kienle jetzt im Museum

Ein besonderes Stück Viernheimer Stadtgeschichte hat nun seinen Weg in das städtische Museum gefunden: Claudia Schopp, Tochter des bekannten Viernheimer Arztes Dr. Benedikt Kienle, hat der Stadt das Fahrrad ihres Vaters übergeben. Mit diesem war der Mediziner über Jahrzehnte hinweg in Viernheim unterwegs, um seine Patientinnen und Patienten zu versorgen.

Die Übergabe fand im Kienle-Haus in der Rathausstraße statt – jenem historischen Gebäude, in dem Dr. Kienle einst praktizierte und lebte. Das Anwesen, das auf das Jahr 1720 zurückgeht und heute unter Denkmalschutz steht, wird mittlerweile von seiner Tochter bewohnt. An dem Termin nahmen neben Bürgermeister Matthias Baaß und Erstem Stadtrat Jörg Scheidel auch Museumsleiterin Elke Leinenweber sowie die beiden Enkel von Dr. Kienle, Dr. Clemens Schopp und Dr. Cornelia Schopp, teil.

Museumsleiterin Elke Leinenweber zeigte sich sehr erfreut über die Schenkung: Das Fahrrad sei nicht nur ein bedeutendes Zeitzeugnis, sondern auch in einem bemerkenswert originalen Zustand erhalten – sogar der von Dr. Kienle selbst gefertigte Anhänger für den Fahrradschlüssel ist noch vorhanden. Bereits 1984 hatte das Museum mit dem von Dr. Kienle im Jahr 1943 konstruierten Brutkasten ein weiteres außergewöhnliches Exponat aus seinem Wirken erhalten.

8.000 Geburten in Viernheim

In der „guten Stube“ im ersten Stock des Hauses, die bis heute mit Möbeln aus der Zeit des Arztes eingerichtet ist und sogar noch Fachbücher aus seiner Studienzeit beherbergt, wurden bei der Übergabe zahlreiche Erinnerungen wach. 

Dr. Kienle und das Fahrrad sind für mich eins“, betonte Bürgermeister Matthias Baaß. Auch Erster Stadtrat Jörg Scheidel erinnerte sich an Erzählungen aus seiner Familie: „Mein Onkel hat mir erzählt, er hätte Dr. Kienle mit seinem Fahrrad heute noch vor sich und könnte das Rad genau beschreiben.

Claudia Schopp schilderte eindrucksvoll die Lebensleistung ihres Vaters: Rund 8.000 Geburten habe Dr. Kienle gemeinsam mit der damaligen Hebamme Magdalena „Lenche“ Brechtel begleitet. Immer wieder begegne ihr bis heute große Dankbarkeit. „Es berührt mich immer wieder sehr, wenn Menschen mich ansprechen und mir erzählen, dass sie ohne meinen Vater und den von ihm entwickelten Brutkasten nicht am Leben wären“, sagte sie. Für Dr. Kienle sei es kaum zu ertragen gewesen, wenn Frühgeborene den Transport ins Krankenhaus nicht überlebten. „Er wollte das ändern – und hat kurzerhand selbst einen Brutkasten entworfen, der dann von der Schreinerei Scharpf gebaut wurde.“

Auch die Arbeitsbedingungen jener Zeit wurden in den Gesprächen deutlich: Ohne moderne medizinische Ausstattung, oft unter schwierigsten Umständen, habe Dr. Kienle unermüdlich gearbeitet. Dreimal täglich hielt er Sprechstunde, versorgte rund 100 Patientinnen und Patienten am Tag und war darüber hinaus jederzeit für Hausbesuche im Einsatz.

Seine Enkelin, Dr. Cornelia Schopp, würdigte insbesondere seinen Mut: „Ich bewundere, mit welcher Entschlossenheit er gerade in der Kriegszeit gehandelt hat. Wenn es sein musste, führte er einen Kaiserschnitt auf dem Küchentisch durch – mit dem Ziel, Leben zu retten.

Zum Abschluss des Besuchs gab Claudia Schopp noch einen sehr persönlichen Einblick: Sie las handschriftliche Aufzeichnungen ihres Vaters vor, in denen dieser medizinische Eingriffe wie Blinddarmoperationen oder Geburten in Gedichtform festgehalten hatte – ein ungewöhnliches Zeugnis seines Wirkens und seiner Persönlichkeit.

Mit dem Fahrrad bleibt ein Symbol für den unermüdlichen Einsatz von Dr. Benedikt Kienle in Viernheim erhalten – künftig wird es im Museum an einen Arzt erinnern, der über Jahrzehnte das Leben vieler Menschen in der Stadt geprägt hat.